Temperatur: um die 7°
Hejsan,
dies wird schon einer meiner letzten Tagebucheinträge sein, denn am nächsten Freitag ist meine Sprachassistenz offiziell beendet. Zeit, ein Resümee zu ziehen, ist aber noch nicht. Das mache ich in der nächsten Woche, wenn mir denn ein wenig Zeit dazu bleibt, oder im neuen Jahr, wenn ich wieder zuhause bin. Mit diesem Eintrag habe ich bewusst so lang gewartet, denn am Mittwoch war einer der Höhepunkte meines Aufenthaltes hier: Lucia.
Lucia ist neben Midsommar das schwedischste Fest, das ich kenne. Es wird am 13. Dezember gefeiert. Nach dem schwedischen Volksglauben ist die Nacht zum Lucia-Tag die längste und dunkelste Nacht des Jahres, in der auch die bösen Mächte mit Luzifer an der Spitze unterwegs sind. Gleichzeitig wird mit dem Lucia-Tag aber auch eine Fastenzeit eingeleitet, die am Heiligen Abend beendet wird. Es sollen auch alle Weihnachtsvorbereitungen abgeschlossen sein: das Weihnachtsschwein soll geschlachtet, das Bier gebraut, Brot gebacken, Gemüse und Obst eingemacht sein und, und, und... Am Morgen des 13. Dezember wird die Familie von der ältesten Tochter, die als Lucia hergerichtet ist, mit Glögg und Lussekatter geweckt. Dieses ist das letzte ausgiebige Frühstück vor der Fastenzeit.
Woher kommt Lucia eigentlich? Und was macht Lucia? Das weiß man hier auch nicht so genau. Es gibt mehrere Legenden über die Heilige Lucia von Syrakus, von der eine erzählt, dass sie verheiratet werden sollte, sich aber weigerte. Ihr Bräutigam zwang sie, sich die Augen auszukratzen und ihm zu geben, weil er sich in ihren Blick so verliebt hatte. Sie tat es, aber von Gott wurden ihr noch schönere Augen gegeben. Ihr Bräutigam zeigte sie beim Kaiser an, der sie erst foltern und dann zum Tode verurteilen ließ. Die Ochsen, die den Karren zum Scheiterhaufen ziehen sollten, konnten ihn nicht bewegen, weil sie von Gott unterstützt wurde. Auf manchen Bildern wird sie auch mit einem Schwert im Hals gezeigt, weil dann schließlich ein römischer Soldat versuchte, sie zu erschlagen. Soweit die Legende. Wie Lucia nach Schweden kam ist unklar. Es wird vermutet, dass es durch Studenten, die nach Schweden zum Studium kamen, mitgebracht wurde und dadurch zunächst nur ein studentisches Fest war. 1927 wurde dann in Stockholm durch eine Tageszeitung eine Wahl zur Lucia ausgeschrieben, zu der sich Mädchen bewerben konnten. Dadurch wurde die heutige Luciatradition eigentlich erst in Gang gesetzt.
In der schwedischen Volkstradition ist Lucia, gekleidet in ein weißes Gewand mit roter Schärpe, die Königin des Lichts, die die Dunkelheit des Winters mit ihrer Lichterkrone und ihren Sternsingern erhellt. Am frühen Morgen zieht sie in einem Zug durch die Stadt oder das Dorf, um symbolisch Licht in die Dunkelheit zu bringen. Und dies wird hier überall gefeiert: in Schulen, Behörden, in der Kirche... und so ein Lucia-Zug ist sehr beeindruckend. Das kann man kaum beschreiben. Wenn es z.B. in der Kirche, wo ich morgens um sieben am Lucia-Gottesdienst teilgenommen hatte, stockfinster ist, man von weitem schon den Zug singen hört, aber noch nicht sehen kann. Und wenn der Zug dann einzieht, im wahrsten Sinne des Wortes Licht ins Dunkel bringt, mit Lucia und ihrer Lichterkrone an der Spitze, die so würdevoll daher schreitet begleitet von mind. 20 Sternsingern, die Lucia-Weisen aus allen Teilen Schwedens sing- en. Das ist der pure Wahnsinn. Das ist so beeindruckend und ergreifend. Wow. Die Feierstunde zieht sich auch fast über eine Stunde hin mit viel Musik und nur wenigen Andachten.
Auf den Tag hatte ich mich schon die ganze Zeit über gefreut. Aber meine Erwartungen und Kenntnisse aus meinen Schwedisch-Kursen wurden weit übertroffen.
Hej så länge!


